Schilddrüsenunterfunktion erkennen: Wenn Symptome bestehen, obwohl Laborwerte normal sind

Eine Frau hält einen Apfel links neben ihren Hals.

Die Schilddrüse gehört zu den wichtigsten hormonellen Steuerzentren des Körpers. Ihre Hormone beeinflussen den Energiehaushalt, den Stoffwechsel, die Temperaturregulation, das Herz-Kreislauf-System sowie Konzentration und Gedächtnis.

Trotz dieser zentralen Rolle wird eine Schilddrüsenunterfunktion häufig erst spät erkannt. Klassische Symptome wie deutliche Gewichtszunahme, trockene Haut oder eine ausgeprägte Verlangsamung treten meist erst nach längerer Zeit auf. Frühere Anzeichen werden dagegen häufig übersehen. In solchen Situationen lohnt sich eine genauere Betrachtung der Symptome und der hormonellen Zusammenhänge im Körper.

Warum eine Schilddrüsenunterfunktion nicht immer sofort erkannt wird

In der medizinischen Praxis wird die Schilddrüsenfunktion häufig über den TSH-Wert beurteilt. Liegt dieser innerhalb der Referenzbereiche, gilt die Schilddrüse zunächst als unauffällig.

Referenzbereiche sind jedoch statistische Durchschnittswerte. Sie geben an, welche Werte in einer größeren Bevölkerungsgruppe vorkommen. Sie sagen jedoch nicht zwingend aus, ob diese Werte für jeden einzelnen Menschen optimal sind.

In der Praxis zeigen sich immer wieder Patientinnen und Patienten, die typische Beschwerden[1] einer Schilddrüsenunterfunktion entwickeln, obwohl das TSH noch im Referenzbereich liegt. Mögliche Ursachen können unter anderem sein:

  • eine eingeschränkte Umwandlung von T4 in das aktive Hormon T3
  • chronischer Stress und hormonelle Belastung des Körpers
  • entzündliche Prozesse
  • Mikronährstoffmängel
  • Wechselwirkungen mit anderen Hormonsystemen

Eine umfassende Beurteilung berücksichtigt deshalb nicht nur das TSH, sondern auch freie Schilddrüsenhormone wie fT3 und fT4 sowie die klinische Symptomatik.

Typische Symptome einer Schilddrüsenunterfunktion

Eine Schilddrüsenunterfunktion entwickelt sich meist schleichend. Viele Beschwerden sind zunächst unspezifisch und werden nicht direkt mit der Schilddrüse in Verbindung gebracht.

Schultern und Schlüsselbein einer jungen Frau.

Ein häufiges und relativ charakteristisches Symptom ist eine ausgeprägte Müdigkeit am Morgen[2]. Betroffene fühlen sich direkt nach dem Aufwachen erschöpft und benötigen lange, um körperlich und geistig in den Tag zu starten.

Weitere Beschwerden können sein:

  • ausgeprägte Kälteempfindlichkeit
  • kalte Hände und Füße durch eine verminderte Durchblutung
  • geringe Schweißbildung
  • Schwierigkeiten bei Temperaturwechseln, etwa eine starke Hitzeempfindlichkeit
  • diffuse Haarausdünnung, besonders im äußeren Drittel der Augenbrauen
  • brüchige und langsam wachsende Nägel
  • morgendliche Muskel- und Gelenkschmerzen
  • Karpaltunnelsyndrom
  • Konzentrations- und Gedächtnisstörungen
  • Verstopfung und Blähungen

Viele dieser Symptome werden häufig isoliert behandelt, ohne die Schilddrüse als möglichen Mitfaktor zu berücksichtigen.

Körperliche Veränderungen bei länger bestehender Unterfunktion

Wenn eine Schilddrüsenunterfunktion über längere Zeit besteht, können auch sichtbare körperliche Veränderungen auftreten.

Typische Befunde sind:

  • ein geschwollen wirkendes Gesicht, insbesondere an Augenlidern und Lippen
  • eine vergrößerte oder geschwollene Zunge
  • kalte und geschwollene Hände am Morgen
  • flache oder geschwollene Füße
  • trockene, verdickte Haut, besonders an den Ellenbogen
  • gelblich verfärbte Handflächen oder Fußsohlen

Diese Veränderungen entstehen durch eine verlangsamte Stoffwechselaktivität, Veränderungen im Bindegewebe und eine reduzierte Durchblutung.

Orthopädische und neurologische Beschwerden

Eine Schilddrüsenunterfunktion kann sich auch auf den Bewegungsapparat und das Nervensystem auswirken.

Isabella Wilden Portrait von 2023
Über die Autorin

Isabella Wilden

Dr. Isabella Wilden ist eine engagierte Medizinerin, die nach persönlichen Gesundheitsherausforderungen zur Expertin für bioidentische Hormone wurde. Mit dem Ziel, andere zu inspirieren, teilt sie ihre Reise von chronischen Krankheiten zur Wiederherstellung ihrer Gesundheit und bietet heute ihre Fachkenntnisse an, um anderen Frauen zu helfen, die mit ähnlichen Problemen konfrontiert sind.

Einige Patientinnen berichten über morgendliche Schmerzen oder Steifigkeit in den Fingern und Gelenken. Auch das Karpaltunnelsyndrom wird bei einer Schilddrüsenunterfunktion häufiger beobachtet.

„Ihre Schilddrüsenwerte sind im Normbereich. Da ist alles in Ordnung.“
Viele Frauen hören diesen Satz beim Arzt, fühlen sich aber weiterhin erschöpft oder krank.

Darüber hinaus können Beschwerden im Bereich der Lendenwirbelsäule auftreten, teilweise mit einer verstärkten Krümmung der Wirbelsäule (Hyperlordose).

Auch das Nervensystem kann betroffen sein. Typisch sind Konzentrationsprobleme, Gedächtnisstörungen und eine allgemeine geistige Verlangsamung.

Psychische Symptome und hormonelle Zusammenhänge

Neben körperlichen Beschwerden treten bei einer Schilddrüsenunterfunktion häufig auch psychische Symptome auf. Dazu gehören depressive Verstimmungen, Antriebslosigkeit oder Angstzustände.

Diese Symptome führen nicht selten dazu, dass zunächst psychologische oder neurologische Fachrichtungen aufgesucht werden. Die hormonelle Ursache bleibt dabei manchmal lange unerkannt.

Eine Frau wird am Hals mit einem Gerät geschallt.

Dabei beeinflusst die Schilddrüse zahlreiche Prozesse im Gehirn. Veränderungen der Schilddrüsenhormone können daher auch Auswirkungen auf Stimmung, Konzentration und Belastbarkeit haben.

Erkrankungen, bei denen die Schilddrüse eine Rolle spielen kann

Eine nicht optimal eingestellte Schilddrüsenfunktion kann bestehende Erkrankungen verstärken oder deren Verlauf beeinflussen. In einigen Fällen bessern sich Beschwerden deutlich, wenn die Schilddrüsenfunktion korrekt eingestellt wird.

Dazu gehören zum Beispiel:

  • Depressionen
  • Angststörungen und Panikattacken
  • Gedächtnisstörungen
  • Fertilitätsprobleme
  • Adipositas
  • Diabetes
  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Die Schilddrüse ist dabei selten die alleinige Ursache. Sie kann jedoch ein wichtiger Faktor im hormonellen Gesamtbild sein.

Warum Schilddrüse und Sexualhormone gemeinsam betrachtet werden sollten

In der Hormonmedizin wird die Schilddrüse nicht isoliert betrachtet. Besonders bei Frauen bestehen enge Wechselwirkungen zwischen Schilddrüsenhormonen und Sexualhormonen wie Östrogen und Progesteron.

Viele Beschwerden, die als typische Wechseljahresbeschwerden eingeordnet werden, können zusätzlich mit der Schilddrüsenfunktion zusammenhängen. Umgekehrt kann eine nicht optimal eingestellte Schilddrüse dazu führen, dass eine Hormontherapie weniger wirksam erscheint.

Eine Frau hält einen Apfel links neben ihren Hals.

Eine gemeinsame Betrachtung von Schilddrüse und Sexualhormonen kann besonders sinnvoll sein bei:

  • Hashimoto-Thyreoiditis
  • Schilddrüsenunterfunktion trotz normaler Laborwerte
  • anhaltender Erschöpfung
  • Beschwerden in der Menopause
  • Zyklusstörungen
  • unerklärlicher Gewichtszunahme
  • depressiven Verstimmungen

Ziel ist eine stabile hormonelle Balance unter Berücksichtigung aller beteiligten Hormonsysteme.

Progesteronmangel und Schilddrüsenfunktion

Ein relativer Progesteronmangel tritt häufig in der Perimenopause auf. Dieses hormonelle Ungleichgewicht kann verschiedene Beschwerden verstärken.

Progesteron beeinflusst unter anderem Schlaf, Stressverarbeitung und entzündliche Prozesse im Körper. Ein Mangel kann daher zu stärkerer Erschöpfung, Schlafproblemen und erhöhter Stressanfälligkeit führen.

Bei Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse, zum Beispiel Hashimoto-Thyreoiditis, kann ein hormonelles Ungleichgewicht die Beschwerden zusätzlich verstärken, selbst wenn das TSH noch im Referenzbereich liegt.

Individuelle Therapie und Verlaufskontrolle

Die Standardtherapie einer Schilddrüsenunterfunktion besteht in der Gabe von Levothyroxin, einem synthetischen T4-Hormon. Für viele Patientinnen und Patienten ist diese Behandlung ausreichend.

In manchen Fällen bestehen jedoch weiterhin Symptome, obwohl die Laborwerte als normal gelten. Dann kann eine individuell angepasste Therapie sinnvoll sein.

Dazu gehören zum Beispiel eine differenzierte Labordiagnostik, die Beurteilung der Umwandlung von T4 zu T3 sowie gegebenenfalls eine Kombinationstherapie mit beiden Hormonen.

Eine liegende Tablettendose, davor verschieden farbige Tabletten

Wichtig ist eine regelmäßige Verlaufskontrolle. Anpassungen der Dosierung erfolgen in der Regel schrittweise und werden in Abständen von etwa sechs bis acht Wochen überprüft.

Da jeder Mensch unterschiedliche optimale Hormonwerte haben kann, erfordert die Einstellung der Schilddrüsenfunktion Erfahrung und eine sorgfältige Beurteilung.

Individuelle Hormonmedizin statt pauschaler Standardlösungen

Die Behandlung hormoneller Erkrankungen erfordert Erfahrung und eine sorgfältige individuelle Betrachtung. Beschwerden lassen sich nicht immer allein anhand einzelner Laborwerte erklären.

Eine moderne hormonmedizinische Diagnostik berücksichtigt daher mehrere Aspekte[3] gleichzeitig:

  • Laborwerte und Referenzbereiche
  • die individuelle Symptomatik
  • mögliche Umwandlungsstörungen der Schilddrüsenhormone
  • Wechselwirkungen mit anderen Hormonsystemen

Nicht immer ist eine medikamentöse Therapie sofort die richtige oder einzige Maßnahme. Entscheidend ist zunächst eine sorgfältige Ursachenanalyse.

Dazu gehört auch die Frage, ob andere hormonelle Systeme beteiligt sind. Besonders häufig bestehen Wechselwirkungen zwischen Schilddrüse und Sexualhormonen.

Was in der Behandlung wichtig ist:

  • keine pauschalen Standardlösungen
  • keine Übertherapie
  • keine reine Symptombehandlung ohne Ursachenanalyse

Schilddrüsenmedizin erfordert klinische Erfahrung, ein genaues Zuhören und ein Verständnis für hormonelle Zusammenhänge im gesamten Körper.

Wenn Beschwerden bestehen, die sich durch Standarduntersuchungen nicht ausreichend erklären lassen, kann eine umfassendere hormonmedizinische Betrachtung helfen, mögliche Ursachen besser zu verstehen und eine passende Therapie zu finden. Sprechen Sie mich gerne bei Fragen an.

Quellenangabe

  1. Beschwerden bei einer Schilddrüsenunterfunktion [1]
  2. Müdigkeit als Symptom bei Schilddrüsenproblemen [2]
  3. Betrachtung mehrerer Faktoren während einer individuellen Therapie [3]