Interview mit QS24: Kinderwunsch nach der Pille - was Sie jetzt wissen sollten

Viele Frauen nehmen über Jahre hormonelle Verhütungsmittel ein. Fünf, zehn, manchmal sogar zwanzig Jahre lang. Wird die Pille dann abgesetzt, weil der Wunsch nach einem Kind entsteht, stellt sich die Schwangerschaft nicht immer sofort ein. Die Periode bleibt aus, Zyklen werden unregelmäßig oder es kommt zu wiederholten Fehlgeburten.
Woran liegt das? Welche Rolle spielen Progesteron, Schilddrüse und Mikronährstoffe? Und wann ist eine Kinderwunschklinik sinnvoll? Wir sprechen gemeinsam mit QS24 über Ursachen, Zusammenhänge und integrative Lösungsansätze.
Ein Gespräch mit Corina Klein und Dr. Isabella Wilden
Die Pille und hormonelle Dysbalance
Moderatorin: Herzlich willkommen im Schweizer Gesundheitsfernsehen. Heute sprechen wir über das Thema Kinderwunsch. Viele Frauen stehen nach langjähriger Pilleneinnahme oder hormonellen Dysbalancen vor der Herausforderung, nicht schwanger zu werden. Welche Möglichkeiten gibt es, den Körper ganzheitlich zu betrachten und eventuell auch bioidentische Hormone einzusetzen? Ich freue mich sehr, wieder mit Dr. Isabella Wilden zu sprechen.
Dr. Isabella Wilden: Vielen Dank für die Einladung. Ich freue mich sehr, hier zu sein.
Hormonelle Leere durch Absetzen der Pille
Moderatorin: Wir haben bereits mehrere Sendungen gemeinsam gemacht, unter anderem zu Potenzthemen bei Männern sowie zu klassischen Frauenbeschwerden wie starken Blutungen oder Zysten. Heute möchten wir einen Überblick speziell zum Kinderwunsch geben. Wir beobachten häufig, dass nach vielen Jahren künstlicher Hormone, etwa durch die Antibabypille, nach dem Absetzen der Kinderwunsch nicht sofort in Erfüllung geht.

Dr. Isabella Wilden: Viele Frauen nehmen die Pille fünf, zehn, fünfzehn, manchmal sogar zwanzig Jahre. Wenn dann der Wunsch nach einem Kind entsteht, setzen sie die Pille ab. Unter der Pille werden die Eierstöcke im Grunde stillgelegt. Ich sage nicht „abgeschaltet“, aber sie befinden sich im Standby-Modus, sie produzieren selbst keine Hormone mehr.
Wird die Pille abgesetzt, fehlt plötzlich diese synthetische Hormonquelle. Die Periode bleibt aus oder kommt unregelmäßig zurück, der Zyklus verändert sich deutlich. Für viele Frauen ist das ein Schock. Sie bekommen Angst und denken sofort: „Ich kann nicht schwanger werden.“
Oft ist der erste Schritt der Besuch bei der Gynäkologin. Ohne ausführliche Blutuntersuchungen oder differenzierte Betrachtung werden manche Frauen direkt in eine Kinderwunschklinik überwiesen. Dort erhalten sie häufig standardisierte Hormontherapien, synthetische Hormon-Cocktails, um einen Eisprung gezielt auszulösen.
Was dabei oft nicht bedacht wird: Nach vielen Jahren Pilleneinnahme sind Mineralstoffe und Vitamine häufig erschöpft. Auch andere Drüsen, insbesondere die Schilddrüse, werden nicht ausreichend überprüft. Eine Schilddrüsenunterfunktion ist jedoch eine häufige Ursache für Infertilität.
Stimmungsschwankungen nach der Pille
Moderatorin: Das ist ja nicht nur hormonell, sondern auch psychisch eine enorme Herausforderung. Viele Frauen berichten nach dem Absetzen der Pille von Wesensveränderungen. Man merkt, dass sich etwas verschiebt. Wenn dann zusätzlich starke Hormontherapien dazukommen, ist das sicherlich sehr belastend.

Dr. Isabella Wilden: Ja, viele Frauen entwickeln Panikattacken oder depressive Verstimmungen. Besonders kritisch ist der Progesteronmangel. Progesteron wirkt stark auf das zentrale Nervensystem. Etwa 20 Prozent der Progesteronrezeptoren im Körper befinden sich im Gehirn. Das muss man wissen.
Fehlt Progesteron über Jahre, gewöhnt sich der Körper an diesen Zustand. Wird die Pille dann abgesetzt, fehlt plötzlich sogar die „künstliche Information“. Es entsteht eine Art hormonelle Leere. Und das ist aus meiner Sicht die ungünstigste Phase, um sofort eine Schwangerschaft anzustreben.
Moderatorin: Viele Ärzte machen lediglich ein großes Blutbild. Dabei werden B-Vitamine oder Mikronährstoffe oft gar nicht überprüft.
Dr. Isabella Wilden: Das stimmt. Und ein weiterer zentraler Punkt ist die Schilddrüse. Ich hatte vor etwa sechs Monaten eine Patientin mit Kinderwunsch. Sie wollte weder bioidentische Hormone noch eine Kinderwunschklinik. Wir haben eine subklinische Schilddrüsenunterfunktion festgestellt. Die Laborwerte lagen im offiziellen Normbereich, aber für eine Frau mit Kinderwunsch waren sie aus meiner Sicht nicht optimal.
Wir haben für sechs bis acht Wochen ein kombiniertes Schilddrüsenpräparat gegeben, mit Schwerpunkt auf T3. Nach wenigen Wochen rief sie mich an und sagte, sie sei schwanger.
Eine andere Patientin hatte bereits ein Kind, wünschte sich aber ein zweites. Nach einer Schilddrüsenkrebs-Operation wurde sie hochdosiert mit L-Thyroxin eingestellt. Wir haben die Medikation angepasst und zusätzlich Eisen, Selen und weitere Mikronährstoffe ergänzt. Vor wenigen Tagen schrieb sie mir aus dem Urlaub: Der Test ist positiv. Die Schilddrüse ist für den Kinderwunsch enorm wichtig und darf nicht übersehen werden.
Kinderwunschklinik als Lösung?
Moderatorin: Ein weiterer wichtiger Punkt sind wiederholte Fehlgeburten. Oft wird Progesteron dabei gar nicht genauer betrachtet. Wie gehen Sie vor?
Dr. Isabella Wilden: Wenn Frauen mit dieser Vorgeschichte zu mir kommen, wird zunächst gezielt Blut abgenommen, unter anderem zur Bestimmung des Progesterons. Besteht ein Mangel, beginnen wir mit einer Supplementierung. In vielen Fällen stabilisiert sich die Situation innerhalb weniger Monate.
Wichtig ist, das Progesteron in den ersten Schwangerschaftsmonaten weiterzuführen. Ich erinnere mich an eine Patientin, das ist über zwölf Jahre her. Sie konnte mehrere Schwangerschaften nicht halten. Wir arbeiteten mit einer Progesteroncreme, und sie setzte die Anwendung bis zum dritten Schwangerschaftsmonat fort. Sie brachte ein gesundes Mädchen zur Welt.
Die richtige Blutabnahme
Moderatorin: Viele Frauen sagen: „Mein Frauenarzt hat doch eine Hormonanalyse gemacht.“ Aber das ist nicht dasselbe wie Ihre Herangehensweise.
Dr. Isabella Wilden: Entscheidend ist der Zeitpunkt. Progesteron kann nur sinnvoll in der zweiten Zyklushälfte gemessen werden, also nach dem Eisprung. Häufig wird Blut am vierten oder fünften Zyklustag abgenommen. Zu diesem Zeitpunkt ist Progesteron naturgemäß niedrig.
Der optimale Zeitraum liegt etwa zwischen dem 19. und 22. Zyklustag, bei einem 28-Tage-Zyklus. Nur dann lässt sich beurteilen, ob ein Eisprung stattgefunden hat und wie das Zusammenspiel zwischen Östrogen und Progesteron aussieht.
Zusätzlich beziehe ich Werte wie LH und FSH ein und betrachte die Zusammenhänge integrativ. Es entsteht ein Gesamtbild.
Der Mann im Fokus
Moderatorin: Beziehen Sie auch den Mann mit ein?
Dr. Isabella Wilden: Ja, wenn gewünscht. Bereits einfache Blutwerte wie FSH und LH geben Hinweise auf die Spermienproduktion. Zusätzlich prüfe ich Testosteron, Estradiol, Progesteron und andere Parameter.
Auch beim Mann spielen Mikronährstoffe eine Rolle. Zink und Omega-3-Fettsäuren sind besonders wichtig. Ein weiterer Punkt ist die Frequenz des Geschlechtsverkehrs. Viele Paare glauben, täglicher Verkehr erhöhe automatisch die Chancen. Doch Studien zeigen, dass Spermien bei zu hoher Frequenz an Qualität verlieren können.
Hier helfen Ovulationstests und eine gezielte Planung. Und ebenso wichtig ist die psychologische Unterstützung.
Psychischer Druck und Beziehungsebene
Moderatorin: Viele Männer fühlen sich unter Druck gesetzt, oder?
Dr. Isabella Wilden: Ja, das erlebe ich häufig. Manche Paare stehen unter enormem Zeitdruck. Nach wenigen Sitzungen spüre ich oft, wie hoch der Stresspegel ist. Ich kann unterstützen, vorbereiten, mit Mikronährstoffen, eventuell mit bioidentischen Hormonen. Wenn jedoch maximale Intervention gewünscht ist, führt der Weg manchmal doch in die Kinderwunschklinik.
Moderatorin: Manchmal stellt sich auch die Frage, ob beide Partner wirklich denselben Wunsch haben.
Dr. Isabella Wilden: Das ist eine sehr sensible Ebene. Nicht immer wird offen ausgesprochen, was innerlich bewegt. Auch diese Aspekte dürfen betrachtet werden.
Möchten Sie sich das gesamte Interview nochmal einmal anschauen, gelangen Sie hier direkt zum Youtube-Video.
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