Bioidentische Hormone & Krebs - Zeit für Klarheit

Was über mehr als zwei Jahrzehnte, fast eine ganze Generation lang, gelehrt und wiederholt wurde, verschwindet nicht von heute auf morgen aus dem medizinischen und gesellschaftlichen Bewusstsein.
In meiner täglichen Arbeit fällt immer wieder auf, wie groß die Angst vieler Frauen vor einer Hormonersatztherapie noch immer ist. Nicht, weil sie selbst schlechte Erfahrungen gemacht hätten, sondern weil sich über Jahre hinweg ein bestimmtes Bild festgesetzt hat:
- Hormone gelten als riskant.
- Hormone sollen Krebs verursachen.
- Hormone sollte man besser vermeiden.
Diese Überzeugungen sitzen tief. Oft unbewusst. Und sie beeinflussen Entscheidungen bis heute.
Eine Generation ohne Hormonersatztherapie (2002–2025)
Mit der Veröffentlichung der Women’s Health Initiative (WHI-Studie) im Jahr 2002 [1] kam es weltweit zu einem tiefgreifenden Wandel in der Behandlung von Frauen in der Perimenopause und Menopause.
In den Jahren danach beobachtete man einen drastischen Rückgang hormoneller Therapien. Nicht, weil sie ihre Wirksamkeit verloren hätten. Vielmehr entstand Angst.
Zwischen 2002 und 2025 blieb damit nahezu eine ganze Generation von Frauen ohne angemessene hormonelle Unterstützung, obwohl viele von ihnen deutliche Symptome hatten und klare medizinische Indikationen bestanden. Für viele Frauen bedeutete das ganz konkret:
- jahrelange unbehandelte Wechseljahresbeschwerden
- ein erhöhtes Risiko für Osteoporose und Knochenbrüche [4]
- eine Zunahme von Herz-Kreislauf-Erkrankungen
- kognitive Veränderungen
- eine spürbare Einschränkung der Lebensqualität
Heute sprechen Fachleute zunehmend offen von unnötigem Leiden. Nicht, weil es keine Therapie gegeben hätte. Ausschlaggebend war die Angst vor ihrer Anwendung.
Warum die Angst bis heute weiterwirkt
Auch wenn sich die wissenschaftliche Datenlage längst weiterentwickelt hat, wirkt die zentrale Botschaft der frühen 2000er-Jahre bis heute nach:
„Hormone sind gefährlich.“
Diese Haltung wurde über Jahre hinweg weitergegeben, in medizinischen Ausbildungen, in Arztpraxen, in Medien und nicht zuletzt in persönlichen Gesprächen.
Zwei Generationen medizinischer Versorger haben nur wenig oder gar keine strukturierte Ausbildung in moderner Menopausemedizin erhalten. Hormone galten als heikel, als tabuisiert oder als letzte Option.
Viele Patientinnen berichten mir bis heute, dass ihre Beschwerden nicht ernst genommen werden oder lediglich symptomatisch behandelt werden, ohne eine hormonelle Einordnung oder Ursachenbetrachtung.
Die WHI-Studie: Was wirklich untersucht wurde
Ein zentraler Punkt, der bis heute oft missverstanden wird: Die WHI-Studie untersuchte keine moderne Hormontherapie. Untersucht wurden:
- orale konjugierte Pferdeöstrogene
- kombiniert mit einem synthetischen Gestagen (Medroxyprogesteronacetat)
- bei Frauen mit einem Durchschnittsalter von 63 Jahren
- häufig 10 bis 15 Jahre nach der Menopause
Nicht untersucht wurden:
- bioidentisches Estradiol
- transdermale Hormontherapie wie Pflaster, Gel oder Spray
- bioidentisches Progesteron
Die später verbreitete pauschale Aussage „Hormone sind gefährlich“ beruhte somit auf einer starken Vereinfachung. Eine Vereinfachung mit weitreichenden Konsequenzen.

Bioidentische Hormone & Antibabypille
Ein entscheidender Unterschied wird bis heute häufig übersehen. Die Antibabypille enthält synthetische Progestine, also Gestagene, nicht bioidentisches Progesteron.
Große epidemiologische Studien, unter anderem aus Dänemark mit über 1,8 Millionen Frauen, zeigen, dass insbesondere synthetische Gestagene mit einem erhöhten Krebsrisiko assoziiert sein können.
Dieses Risiko ist nicht dem Estradiol selbst zuzuschreiben, sondern der chemisch veränderten Struktur der Progestine. Bioidentisches Progesteron wirkt im Körper grundlegend anders.
FDA-Update 2025: Ein medizinischer Wendepunkt
Am 25.11.2025 veröffentlichte die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA ein umfassendes Update [2] zur Hormonersatztherapie.
Unter dem Titel „Updated Labeling for Menopausal Hormone Therapy“ wurden bisherige pauschale Warnhinweise überarbeitet und differenziert. Ich empfinde diesen Schritt der FDA [3] als medizinisch längst überfällig und gleichzeitig als wichtigen Wendepunkt.
Die FDA betont nun ausdrücklich:
- die Notwendigkeit einer individuellen Nutzen-Risiko-Abwägung
- die klare Unterscheidung zwischen
- lokaler Therapie, z. B. vaginale Östrogene
- systemischer Therapie
- transdermaler Anwendung
- die Bedeutung der sogenannten Timing-Hypothese
- die Unterstützung einer personalisierten Hormonersatztherapie
Ziel dieser Anpassung ist es, diffuse Ängste abzubauen und evidenzbasierte Entscheidungen zu ermöglichen.
Moderne Hormonersatztherapie heute
Die heutige Hormontherapie unterscheidet sich grundlegend von früheren Konzepten. Sie basiert auf:
- bioidentischem 17-β-Estradiol
- bevorzugt transdermal, also als Pflaster, Gel oder Spray
- bioidentischem Progesteron
- individueller Dosierung
- regelmäßiger ärztlicher Begleitung
Richtig eingesetzt, insbesondere vor dem 60. Lebensjahr oder innerhalb von zehn Jahren nach der Menopause, kann eine individuell angepasste Hormonersatztherapie:
- die Knochengesundheit schützen
- das Herz-Kreislauf-System unterstützen
- kognitive Funktionen stabilisieren
- Schlaf, Stimmung und Lebensqualität deutlich verbessern
Verantwortung für die kommenden Generationen
Die Auswirkungen der WHI-Studie enden nicht mit neuen Leitlinien oder regulatorischen Updates.
Medizinische Überzeugungen, die über Jahrzehnte entstanden sind, verändern sich nicht über Nacht. Ohne gezielte Aufklärung besteht die Gefahr, dass auch kommende Generationen von Frauen weiterhin unterversorgt bleiben, obwohl die medizinischen Möglichkeiten längst vorhanden sind.
Moderne Menopausemedizin bedeutet deshalb nicht nur Therapie, sondern auch Bildung, Differenzierung und Bewusstseinsarbeit.
Meine Schlussgedanke
Die entscheidende Frage lautet heute nicht mehr: “Sind Hormone gefährlich?”
Wichtiger ist vielmehr:
- Welche Hormone, zu welchem Zeitpunkt, in welcher Form und für welche Frau?
Die Folgen der WHI-Studie enden nicht im Jahr 2025. Denn was eine Generation geprägt hat, wirkt oft noch lange darüber hinaus.
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